Tesson der Unnachahmliche
Der große Reisende und großartige Schriftsteller Sylvain Tesson ist wieder im Buchhandel erhältlich mit Der Schneeleopard. Ein durch und durch gelecktes Buch, das von Anfang bis Ende tiefgründig ist und das man nicht vorzeitig zuklappt. Tessons Bericht über seine Suche nach dem Schneeleoparden in Tibet mit dem Fotografen Munier ist ein Klassiker, und das ist schon allein deshalb sicher, weil er unnachahmlich ist.
Sylvain Tesson fasziniert. Weil er der Mann der langen Reisen und der ausführlichen Erzählungen ist. Weil er zu den besten Schriftstellern Frankreichs zählt. Weil er eine zunehmend reaktionäre, umweltbewusste Stimme ist – und eine Stimme, die Gewicht hat. Weil er frei ist. Die breite Öffentlichkeit kennt sein halb erstarrtes Gesicht, das auf eine alkoholreiche Nacht zurückzuführen ist, in der sich der Schriftsteller einer seiner verrückten Leidenschaften hingab: dem Dachklettern. Der Vorfall ereignete sich in Chamonix. Durch den reinsten Zufall befand ich mich genau heute, an dem ich diese Kolumne schreibe, am Ort dieses schrecklichen Vorfalls. Schicksal, wenn du uns einmal im Griff hast.
Verstehen, dass man etwas nicht versteht
Diese außergewöhnliche Persönlichkeit veröffentlicht also zum Jahresende eine neue Erzählung, Der Schneeleopard, erschienen im Gallimard-Verlag. Am Montag, dem 4. November, wurde es mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet – und das will schon etwas heißen. Dieses Werk, das der Mutter eines Löwenjungen gewidmet ist, erzählt die Geschichte einer Freude. Oder sogar – um es einmal so zu sagen – von die Freude. Die Freude, das Unfassbare zu erfassen: «Munier und ich verstanden, dass wir nichts verstanden», schreibt der Autor am Ende des Buches. Und das aus gutem Grund: Das Tier, wie es Tesson im Laufe dieser großartigen literarischen Reise beschreibt und wie es sein Freund, der Fotograf, einfängt, ist per Definition ein Geheimnis. Das Geheimnis des Tierlebens selbst, jenseits jeglicher Moral. Ein Geheimnis, das Aristoteles, auf dessen Autorität sich Tesson in seinen Sätzen stützt, natürlich sehr wohl verstanden hatte:
«Aristoteles beschränkte das Schicksal der Tiere auf die Lebensfunktionen und die formale Vollkommenheit, jenseits jeglicher moralischer Überlegungen. Die Intuition des Philosophen war perfekt, hervorragend abgewogen, edel formuliert, absolut wirkungsvoll – eben griechisch!»
Diese philosophische Betrachtung zieht sich durch diesen Text, den die Redaktion unseres Magazins wärmstens empfiehlt. Zum einen, weil er in einer erhabenen Sprache verfasst ist, in der jedes Wort und jeder Ausdruck treffender nicht gewählt sein könnte. Zweitens, weil die Bewunderung für die Tiere, die aus diesem Text spricht, kein Loblied auf die ganz lieben, niedlichen Kätzchen ist. Es ist ein Staunen über das Lebendige in seiner wildesten, amoralischsten und instinktivsten Form. Und schließlich sollte man den neuen Tesson lesen, weil wir darin ein ganz bestimmtes Tier kennenlernen, den Schneeleoparden, mit all seinen charakteristischen Merkmalen.
«Sie war da, und die Welt verschwand. Sie verkörperte die Physis griechisch, natura auf Lateinisch, wofür Heidegger folgende religiöse Definition gab: “das, was aus sich selbst hervorgeht und so erscheint.»
Als sich der Schriftsteller und Abenteurer mit seinen Gefährten – dem Fotografen Munier, seiner Freundin Marie und dem Metaphysiker Léo-Pol Jacquot – in einer Höhle versteckt, um die Chance zu haben, das Tier erscheinen zu sehen, wird uns eine kleine moralische Anleitung serviert. Ein Repertoire an Tugenden, die unserer Lebensweise – geprägt von einer urbanisierten Gesellschaft, die von der Schönheit der Welt losgelöst ist – so fremd sind: Vorsicht und Hoffnung sind die beiden Tugenden, die im Roman am stärksten zum Ausdruck kommen. Durch diese beiden Totems der wahren Ökologie, nämlich der anthropologischen Ökologie, lädt uns Tesson zum Warten ein. Das Warten auf eine «Auseinandersetzung zwischen unserer Bewunderung und [der] Gleichgültigkeit [des Panthers]’ oder das Warten auf etwas ganz anderes. Und dieses Warten selbst ist schön. Ganz gleich, ob das erwartete – und somit geliebte – Objekt auftaucht oder nicht.
«Wir wussten, dass sie in der Nähe war. Manchmal sah ich sie: Es war nur ein Felsen, es war nur eine Wolke. Ich lebte in der Erwartung ihrer Ankunft.»
Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Sylvain Tesson
Der Schneeleopard
Gallimard Verlag
2019
176 Seiten
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