«Emmas Jahrhundert» - eine Geschichte von Männern und Frauen
Bücher am Dienstag - Amélie Wauthier
Auf dem rosa Cover blicken uns vier Figuren entgegen. Im Vordergrund posiert eine Frau stolz, die Hände in die Hüften gestemmt. Hinter ihr scheint ein Schweizer Soldat mit strengem Blick eine mürrische Miene zu machen. Zu seiner Linken hält eine junge Hippie-Frau ein Plakat für Frauenrechte hoch, neben ihr steht ein Mann in einer schwarzen Jacke mit einer perfekten Banane. Durch einen Zufall des Zeitplans schreibe ich gerade meine Rezension zu diesem Comicroman Emmas Jahrhundert am 8. März 2020.
Auf Seite 3 sind die Gründe nachzulesen, die Eric Burnand und Fanny Vaucher dazu bewogen haben, bei diesem Projekt zusammenzuarbeiten. «Haha! Aber in der Schweiz ist doch nie etwas passiert!»; das klingt, als hätte ich das gesagt. Offensichtlich sind wir nicht die Einzigen, die der Meinung sind, dass unsere geliebte Nation nicht gerade der rockigste Ort der Welt ist. Und doch: Nur weil wir uns nie alle an der Bastille versammelt haben, um ein paar gekrönte Häupter zu stürzen, heisst das noch lange nicht, dass in der Schweiz nie etwas passiert ist!
Die Geschichte beginnt in Granges im Kanton Jura. Emma wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Jahrhundert und steht kurz davor, Lehrerin zu werden, während ihr Verlobter Marius als Arbeiter in der Uhrenindustrie tätig ist. Die Spanische Grippe wütet, es ist kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeiten sind hart und viele Familien leben in Armut. Und dann kommt es zur Tragödie. Während die Schweiz gespalten ist und die Lage äußerst angespannt ist, wird Marius während des Generalstreiks vom 14. November 1918 von einem Soldaten erschossen. An diesem Tag fallen drei Menschen, ohne jemals wieder aufzustehen. Emma ist angewidert. Sie erträgt weder die Armee noch die Passivität der Schweizer mehr. Sie macht sich daraufhin auf den Weg nach Zürich, um ihren Bruder Franz zu suchen, einen Bankier, der von der Revolution träumt und ihre Wut teilt.
Von Emmas Erzählung wechseln wir zwanzig Jahre später zu der von Franz. Wir erfahren mehr über seinen Werdegang und werden Zeugen der Mechanismen, die ihn dazu bringen, sein Land zugunsten des nationalsozialistischen Deutschlands zu verraten. Die Ereignisse folgen dicht aufeinander, ebenso wie die Strapazen und schließlich die Erzählungen. So begleiten wir mehrere Generationen von Schweizern durch die Kämpfe der Mitglieder ein und derselben Familie, die alle Zeugen der Geschichte unseres Landes sind. Dabei werden Themen wie das Frauenwahlrecht, die Lebensbedingungen italienischer Saisonarbeiter, Rockmusik, die sexuelle Befreiung und das Gemeinschaftsleben der 1970er Jahre behandelt.
Einfach und effektiv
All diese Themen und Ereignisse werden auf einfache und wirkungsvolle Weise behandelt. Die Texte von Eric Burnand sind treffend und werden durch die Zeichnungen von Fanny Vaucher hervorragend zur Geltung gebracht. Normalerweise bin ich nicht besonders fan dieser Art von Zeichnungen. Doch der Illustratorin gelingt es sehr wohl, den Geist unseres geliebten Landes einzufangen. Zudem ist ihr Layout sehr dynamisch und einladend. Denn wenn es der jungen Frau gelungen ist, mich mit ihren Zeichnungen zu begeistern – was ein ziemlich ehrgeiziges Unterfangen war –, dann vor allem deshalb, weil diese auf altmodische Weise entstanden sind: mit Papier und Tinte! Ich kann den Künstlern gar nicht genug danken, die noch immer auf diese Werkzeuge zurückgreifen, die man für überholt halten könnte … Denn selbst mit einem Master in Photoshop gibt nichts die Wärme und die Textur von Papier und Bleistift so gut wieder wie Papier und Bleistift selbst.
Das Leben dieser fiktiven Figuren wird durch Karten und nachgewiesene, archivierte und lehrreiche historische Ereignisse untermalt. Dank der biografischen Steckbriefe konnte ich als Laie erfahren, wer Ernst Nobs, der Streikführer, der nationalistische Gewerkschafter Willi Ritschard oder auch die Pionierin des Feminismus Jacqueline Wavre waren. Ich muss zugeben, dass Geschichte bei mir bei weitem keine Leidenschaft ist. Aber ich würde mich sicherlich mit mehr Freude dafür interessieren, wenn sie jedes Mal so gewagt erklärt würde – und mit einer Extraportion Humor; vielleicht würde ich mir sogar einige prägende Ereignisse merken.
Ein Buch, das sich angenehm lesen lässt und einige Klischees über die Schweiz widerlegt – dieses neutrale Land par excellence, in dem es sich so gut leben lässt … Und vielleicht könnten diese Helden und Antihelden der Vergangenheit ihren Kindern von heute ja, wer weiß, ein paar Anregungen geben.
Bildnachweis: © Amélie Wauthier
Schreiben Sie der Autorin: amelie.wauthier@leregardlibre.com

Fanny Vaucher und Eric Burnand
Emmas Jahrhundert
Antipoden
2019
207 Seiten


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