Jacques Pilet nimmt uns mit in die Schweiz vor einem Jahrhundert

3 Leseminuten
geschrieben von Jonas Follonier · 01. Oktober 2019 · 0 Kommentare

Der Schweizer Journalist Jacques Pilet hat im vergangenen August seinen zweiten Roman im Verlag Editions de l’Aire veröffentlicht, Hotel Belvédère. Beim Lesen tauchen wir ein in die Schweiz des Jahres 1914. Inmitten eines Europas, das in Flammen steht, entdeckt Jules, ein junger Bauernsohn aus Vevey, die Liebe zu einer russischen Studentin und beschließt, nach Afrika zu gehen. Eine fesselnde Erzählung, die uns anhand einer sympathischen Geschichte von der tragischen Geschichte erzählt.

Die Schweiz vor einem Jahrhundert – wer interessiert sich noch dafür? Und die Geschichte unseres Landes, unseres Kontinents, die Weltgeschichte – wer kennt sie noch? Jacques Pilet gehört zu den Menschen, die diesen beiden Fragen alle Ehre machen. Er ist unter anderem Gründer der Publikationen Die Neue Tageszeitung und L'Hebdo, der Journalist, dessen Artikel unter der Woche oft bei unseren Freunden von Gut für den Kopf hat schon immer ein grosses Interesse an Geschichte und Politik gehegt. Unter anderem auch an Europa, dessen Schicksal, dessen Stärken und den Platz der Schweiz darin.

Lesen Sie auch | Ein Europa des Schicksals

Getreu seiner Leidenschaft wählt er die Form des Romans, um uns auf eine andere Art und Weise von Europa zu erzählen. „Literatur ist ein Format, das sich gar nicht so sehr vom Journalismus unterscheidet“, räumte er mir vor einigen Wochen ein. In der Praxis sei es jedoch eine ganz andere Aufgabe, fügte er hinzu, da man eine Erzählung von gewisser Länge aufbauen müsse. Als Leser ist es interessant festzustellen, dass der Stil des Romanciers dem Stil des Journalisten und Kolumnisten nicht unähnlich ist: Wir haben es mit direkten, eleganten, manchmal pointierten, oft kurzen Sätzen zu tun. Immer ausgewogen.

«In den Zeitungen war nicht mehr, wie zu Beginn, von einem schnellen Krieg die Rede. Die Fronten erstarrten in der Kälte. Es zeichnete sich ein schrecklicher Winter ab. Die abwechselnden Offensiven forderten in der Champagne Tausende von Todesopfern.»

Die kleine Geschichte in der großen

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die allgegenwärtige Geschichte, die sich gerade schreibt, der Krieg, der noch gar nicht so lange zurückliegt und sich gerade abzeichnet, sowie die allgegenwärtigen Zeitungen, die darüber berichten. Und neben den Zeitungen gibt es noch ein Nachthemd, das von Tatiana, einer jungen russischen Studentin, die den revolutionären Kreisen nahesteht und Jules die Liebe näherbringen wird. Um die Kunst des Romans zu meistern, muss man sicherlich das Zeug dazu haben, eine Geschichte zu erzählen, aber zweifellos muss man auch ein Erzähler sein, der eine gewisse Sensibilität an den Tag legt. Die Geschichte des jungen Jules, dessen Wege und Fragen wir verfolgen – insbesondere in sentimentaler Hinsicht –, ist ein fruchtbarer Boden für das Wagnis des Romaneschreibens. Jacques Pilet meistert diese Herausforderung erfolgreich.

«Als Teenager spürte er nichts oder glaubte zumindest, nichts zu spüren. Doch seit einiger Zeit ertappte er sich dabei, wie er den Deckel des Topfes mit der Brühe anhob und am Gemüse roch. Er führte seinen nackten Unterarm unter die Nase, als suche er dort nach einem männlichen Duft. Nachts streichelte er immer öfter sein Glied. Es wurde schnell hart, doch da ihm das Bild einer Frau fehlte, kam er nur zögerlich zum Höhepunkt. Die Frauen, die in seinen Gedanken umherwanderten, waren so weit weg.»

Und gerade der zweite Teil ist zweifellos der fesselndste. Die Erzählperspektive wechselt in die erste Person und wirkt dadurch besonders eindringlich. Zudem vollzieht sich ein Übergang vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg. Jules, der sich mittlerweile fest in Afrika etabliert hat – ein Kolonialist, aber kein Rassist –, ist sich bewusst, dass die Geschichte niemals vor dem Unvernünftigen gefeit ist. Unter besonderen Umständen hat sich der Erzähler dazu entschlossen, seine Geschichte zu erzählen. Es liegt ein Hauch von Bilanz und Wahrheit in der Luft. Und natürlich ein wenig von Jacques Pilet in der Psychologie dieser Figur, die von Henri Pilet inspiriert ist, einem ins Exil nach Afrika geschickten Waadtländer, der 1942 in Bobodioulasso starb.

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Jacques Pilet
Hotel Belvédère
Editions de l'Aire
2019
188 Seiten

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

Einen Kommentar hinterlassen